Martín

Austauschschüler Martín aus Uruguay in Wien

Zum Ende seines Austauschjahres erzählt Martín unserer Freiwilligen Annika von seinen Erfahrungen - und was Österreich und Wien für ihn so besonders machen.
YFU Austria:

Warum wolltest du einen Austausch machen?

Martín:

Natürlich wollte ich eine neue Sprache lernen. Am Anfang wollte ich eigentlich Französisch machen, aber Frankreich ging nicht, weil ich dafür Französisch Niveau A2 gebraucht hätte – und ich kann gar nicht Französisch. Und dann hab ich gesagt: ok, welche andere Sprache? – Ok, Deutsch!

  • Martín
    Martín
  • Martín mit den anderen AustauschschülerInnen bei der YFU Nachankunftstagung
    Martín mit den anderen AustauschschülerInnen bei der YFU Nachankunftstagung
  • Martín
    Martín
  • Martín mit Gastschwester und Freundinnen
    Martín mit Gastschwester und Freundinnen
  • Martín mit anderen AustauschschülerInnen am Weg zum YFU-Seminar
    Martín mit anderen AustauschschülerInnen am Weg zum YFU-Seminar
  • Martín mit anderen Austauschschülerinnen beim YFU Re-Entry-Seminar
    Martín mit anderen Austauschschülerinnen beim YFU Re-Entry-Seminar
  • Martín mit anderen Austauschschülerinnen beim YFU Re-Entry-Seminar
    Martín mit anderen Austauschschülerinnen beim YFU Re-Entry-Seminar
YFU Austria:

Also du wolltest zuerst Französisch machen und dann doch Deutsch. Warum bist du dann speziell nach Österreich gekommen?

Martín:

Ok, also ich glaube die Beziehung zwischen Deutschland und Österreich ist wie unsere Beziehung mit Argentinien – also Argentinien ist der große Bruder und wir sind ein kleines, kleines Land. Ich weiß nicht warum, aber ich wollte nicht nach Deutschland, also ich kenne Deutschland nicht, aber ich dachte mir Österreich ist ein bisschen kleiner, ein bisschen wie Uruguay. Ich habe auch gehört von anderen Leuten, die Deutsch können, dass österreichisches Deutsch besser ist – also die Aussprache ist besser.

YFU Austria:

Hast du irgendetwas anderes über Österreich schon gewusst bevor du hergekommen bist?

Martín:

Ich wusste, es ist ein Land in Zentraleuropa und ich wusste, dass Wien die Hauptstadt ist – und natürlich die Alpen… Meine Eltern waren vor 20 Jahren in Österreich - sie haben eine Weltreise gemacht und sie waren in ganz Europa – und meine Mutter hat Wien geliebt und sie hat mir gesagt „Oh Martín, du musst Österreich besuchen, Wien ist so schön und die Leute sind so nett!“ Und ich habe in Google Österreich gesucht und die Berge waren so schön - ich liebe Berge! Wir haben keine Berge in Uruguay.

YFU Austria:

Warst du auch schon in den Bergen?

Martín:

Ja. Ich war Anfang November mit meiner Gastfamilie in Innsbruck, wo mein Gastonkel wohnt, und wir waren da für eine Woche. Und das war mein erster Eindruck von den Bergen.

Und dann war ich Ski fahren in der Steiermark für eine Woche mit meiner Gastschwester und mit einer anderen Austauschschülerin, Laerke aus Dänemark. Es waren nicht sehr hohe Berge, aber es war auch schön. Dort wo wir waren gab es keine Leute. Es war sehr gut, weil wenn wir runtergefahren sind, mussten wir nie in der Schlange stehen. Und ich habe gehört, dass es in anderen Orten, zum Beispiel in Salzburg, so viele Leute gibt und man 25 Minuten in der Schlange stehen muss. Also es war sehr schön, mein erstes Mal Ski fahren.

YFU Austria:

Also du meintest, es gibt keine Berge in Uruguay. Was ist sonst noch anders als hier?

Martín:

[lacht] Also, wir haben nur Land und Kühe – also wir haben wirklich viele Kühe. Wir sind 3,6 Millionen Leute in Uruguay und es gibt 4 Kühe pro Person – also 12-13 Millionen Kühe. Und ja, wir haben keine Berge. Wir haben einen Hügel, ich glaube der ist 300-etwas-Meter.

YFU Austria:

Wie ist es in einer Gastfamilie zu leben?

Martín:

Also, es ist komisch - vor dem Austausch hatten wir dieses Orientierungsseminar, bei dem uns die Leute von YFU vorbereiten und du weißt es wird eine andere Familie sein - nicht wie deine Familie, mit anderen Traditionen, way of life… Also am Anfang ist alles neu und du beachtest nicht wirklich die Familie und den way of life – also in meinem ersten Monat war ich immer in Wien unterwegs, also "city touring". Aber dann, nach ein paar Monaten, realisierst du, dass die Familie wirklich anders ist und dass du kein Gast bist - du bist ein Sohn, ein Kind. Ich glaube am Anfang ist es ein bisschen schwierig, aber dann kennst du schon deine Familie und du weißt schon, wie sie sind und gewöhnst dich an sie.

YFU Austria:

Hat das Eingewöhnen in die Familie lang gedauert?

Martín:

Nein, also ich liebe meine Familie und ich glaube auch, dass wir eine besondere Beziehung haben, weil meine Gastschwester Sarah früher für ein Austauschjahr in Uruguay war und meine Gastfamilie - obwohl sie noch nie in Uruguay war - Geschichten von dort kennt. Deshalb hatten wir mehr zu reden und sie sind sehr, sehr, sehr lieb und ich fühle mich wie ein Sohn.

YFU Austria:

Wer ist in deiner Gastfamilie?

Martín:

Meine Gastschwester, ich habe einen Gastvater und eine Gastmutter, sie sind beide Lehrer – mein Gastvater ist ein Deutsch- und Geografielehrer und meine Gastmutter… ich verstehe noch nicht ganz was sie macht. [lacht] Also auch an einer Schule, aber kein Gymnasium und vielleicht etwas mit Wirtschaft? Meine Gastschwester ist 20 und studiert Romanistik, also Spanisch.

YFU Austria:

Du sprichst übrigens super Deutsch! Wie machst du das?

Martín:

Also ich konnte gar kein Deutsch. Ich bin nur mit „Hallo“, „danke“ und „ich bin Martín“ hergekommen. Ich erinnere mich, drei Wochen bevor ich nach Wien gekommen bin, habe ich die Zahlen gelernt – also nur bis zehn – und ich habe mit allen meinen Freunden in der Schule in Uruguay „1, 2, 3, 4, 5, 6,..!“ gezählt. Ja, und dann habe ich hier von Oktober bis Dezember einen Deutschkurs an der Uni gemacht, also A1.1, es war ein Grundkurs, also es waren nur Zahlen, Wochentage, Tiere, Essen.

Ich glaube es war ein bisschen schwierig hier mit meiner Gastfamilie, weil wir am Anfang viel Englisch geredet haben – für meine Gasteltern war es zu lang – ungefähr die ersten zweieinhalb bis drei Monate. Ich erinnere mich noch, eines Tages hat meine Gastmutter gesagt: „Ich verstehe kein Englisch.“ Meine Gasteltern haben viele Grammatikbücher für mich gekauft, aber ich verwende sie nicht so oft. [lacht] Ich muss noch...

Mit meinen Freunden in der Schule habe ich früher viel Englisch geredet, aber jetzt reden wir Deutsch. Es ist auch schwierig, weil sie sehr gut in Englisch sind. Ich glaube es ist schwierig ein Austauschjahr hier in Europa zu machen, weil viele Leute Englisch reden. Du fährst nach Südamerika und nicht so viele Leute sprechen Englisch, vielleicht in Montevideo schon – also die, die so alt wie ich sind, können oft Englisch, aber auch nicht alle.

Also ich glaube in der Stadt können sie mehr Englisch. Zum Beispiel, meine Gastmutter ist aus Mariazell in der Steiermark und sie hat mir gesagt, dass am Land nicht so viele Menschen Englisch können, also junge Leute wahrscheinlich, aber alte Menschen… Also es war am Anfang schon schwierig mit meinen Gastgroßeltern zu reden, weil die Eltern von meiner Gastmutter sind eben aus Mariazell und sie reden Dialekt – und ich verstehe nichts. Also jetzt verstehe ich ein bisschen. Und die Eltern von meinem Gastvater sind aus Wien aber sie reden schon ein komisches Deutsch.

Ich glaube wenn ich nicht ein Austauschjahr hier gemacht hätte - also zum Beispiel nicht mit einer Gastfamilie, sondern in einem Studentenheim oder einfach in einer Wohnung mit Leuten aus anderen Ländern gewohnt hätte - ich glaube ich würde nicht so Deutsch reden wie ich jetzt nach sieben Monaten rede. Mit einer Gastfamilie ist es sehr anders, du hörst immer Deutsch, ich rede mit ihnen Deutsch - in der Schule auch. Jetzt verstehe ich in der Klasse, was die Lehrer sagen, aber ich kann nicht wirklich Übungen machen. Aber auch wenn du es nicht verstehst, hörst du die Sprache den ganzen Tag – sie ist immer da.

YFU Austria:

Ich hab das Gefühl, du hast dich gut eingefunden in Österreich. Was ist anders hier in Wien als in Montevideo?

Martín:

Es ist größer, es ist sehr, sehr schön – also eine typische europäische Stadt. Ich wusste vorher nichts von Wien und jetzt liebe ich diese Stadt und fühle ich mich sehr wohl. Ich kenne mich hier auch schon aus – also in den ersten fünf Tagen war ich bei einer Gastfamilie in Donaustadt und ich erinnere mich, mir war mir ein bisschen langweilig – also ich war in der Nähe von Seestadt – und ich habe den ganzen U-Bahn-Plan gelernt.

Es ist auch eine sichere Stadt. Woher ich komme ist es nicht so sicher, zum Beispiel am Abend musst du vorsichtig sein. Da ist es hier für mich sehr gut, ich kann am Abend rausgehen, ich kann nach dem Fortgehen ohne Probleme nachhause fahren – also natürlich musst du vorsichtig sein, aber ich fühle mich sehr wohl, ja, ich liebe Wien.

YFU Austria:

Gab es irgendetwas, das dich an Wien oder Österreich überrascht hat?

Martín:

Ja, also ich wusste nicht, dass es wirklich so multikulturell ist – also natürlich weiß ich es jetzt und es ist ein bisschen logisch, weil es ist Zentraleuropa – aber es ist ur cool, es ist ur toll, dass es viele Leute aus der ganzen Welt hier gibt. Eine Sache war ein bisschen komisch und zwar dachte ich, wenn ich nach Österreich fahre, werde ich für ein Jahr kein Spanisch hören, aber immer in der U-Bahn, in der Straßenbahn höre ich Spanisch, also ich glaube die spanische Community in Österreich ist groß, es gibt viele Leute aus Spanien, Mexiko, Kolumbien.

Also ich liebe Wien, aber Wien ist nicht, was ich dachte von dem, was ich über Österreich in Google gesehen habe - also es ist nicht so „typisch österreichisch“ – also es gibt einen Unterschied zwischen dem Land und Wien. Aber es ist sehr gut, dass es so viel Vielfältigkeit hier gibt, weil es den Horizont erweitert, ich habe hier schon so viele Leute aus anderen Ländern kennen gelernt, ja, es ist ur toll. Bei dem letzten Orientierungsseminar mit den anderen Austauschschülern konnte man schon erkennen, welchen Dialekt sie haben.

YFU Austria:

Kannst du die Dialekte unterscheiden?

Martín:

Steirisch schon – also meine Gastmutter spricht Hochdeutsch, aber wenn sie böse ist oder mit Leuten aus der Steiermark redet, wechselt sie - also sie redet ein bisschen Dialekt. Es ist lustig, weil wenn wir mit der Familie von meiner Gastmutter sind – sie sagen das a wie ein o – also „Mohlzeit“, „Freitog“, „Montog“.

Oberösterreichisch erkenne ich schon und Tirolerisch hat das „ch“. Und ja – Vorarlbergerisch ist ganz anders. [lacht]

YFU Austria:

Du bist ja schon ziemlich lange hier und hast schon ein paar Feiertage hier verbracht, was gibt es da für Unterschiede?

Martín:

Es ist sehr anders. Für uns ist Weihnachten zum Beispiel ein „party-holiday“ – Leute hier finden das komisch, aber es ist auch Sommer, unser Weihnachten hat 30° oder 28° also es ist sehr warm. Am 24. kommt die Familie um acht, halb neun am Abend zusammen, dann essen wir und dann um 12 öffnen wir die Geschenke, sagen „frohe Weihnachten“, Umarmungen, Bussis… und es gibt ein Feuerwerk, das schauen wir uns dann immer an. Danach – also ich bin 19 und meine Schwester ist 21 – gehen wir immer fort und das war auch komisch, also hier ist es „Stille Nacht“ [lacht] und ich konnte nicht glauben, dass meine Gastfamilie um elf, halb zwölf in der Nacht schon schlafen gegangen war. Aber Weihnachten hier war schon sehr besonders, es war anders und ich habe mich wohl gefühlt – diese Familienatmosphäre und diese „Stille Nacht“, also ich hab das gemocht. Wir haben Weihnachtslieder gesungen und mein Gastvater und mein Gastonkel haben Klavier und Flöte gespielt.

Und Ostern war sehr lustig. [lacht] Alle Feste hier sind wie in Filmen – also in Uruguay schauen wir amerikanische Filme, wo Weihnachten auch diese „Stille Nacht“ ist und für uns ist es ja ganz anders. Zu Ostern essen wir Schokolade und wir haben diese großen Schokoladeneier – wie die Italiener – und am Ostersonntag essen wir zu Mittag und nach dem Essen legen wir das Ei auf den Tisch, legen unsere Hände drauf und zerschlagen es – manchmal sind auch Überraschungen drinnen. Wir haben auch Osterhasen, aber wir suchen nicht nach Eiern oder Geschenken – hier haben wir das gemacht.

YFU Austria:

Wie schmeckt dir das Essen hier?

Martín:

Also, es ist schwierig. In Uruguay essen wir viel Fleisch und wir haben auch sehr gutes Fleisch. Meine ganze Gastfamilie ist vegetarisch. Ich esse wenig Fleisch - natürlich wenn ich meine Freunde treffe, esse ich Fleisch, aber zuhause nicht. Ich habe viele vegetarische Speisen kennen gelernt, die ich nicht gekannt habe.

Und [lacht] ich weiß Österreicher sind sehr stolz auf Schwarzbrot. Also wir in Uruguay sagen „Brot“ zu was hier „Toast“ ist - das ist für uns „Brot“. Alle sagen es ist so lecker, aber es schmeckt nicht! Ich habe auch mit anderen Austauschschülern geredet. Für mich schmeckt es so wie als würde man Steine essen! [lacht] Aber ich liebe Semmeln!

Und ich liebe auch das Wasser hier, weil in Uruguay kann man schon das Leitungswasser trinken, aber es schmeckt nicht gut – es schmeckt wie die Leitungen und die meisten Leute trinken prickelndes Mineralwasser. Hier trinken alle stilles Wasser und ich mag stilles Wasser. In Uruguay musste ich immer stilles Wasser kaufen und hier ist es so einfach – du musst nur zur Leitung gehen und trinkst, und zwar überall!

YFU Austria:

Gibt es irgendwelche Aktivitäten oder Hobbies, die du hier angefangen hast, die du in Uruguay gar nicht kanntest oder nicht gemacht hast?

Martín:

Ja, also ich habe sieben BE-Stunden in der Woche und jetzt machen wir ein neues Projekt, wo wir lernen, wie man Fotos entwickelt – also das habe ich noch nie gemacht – und es ist so interessant, es ist ein langer Prozess mit vier verschiedenen Flüssigkeiten und die Fotos schauen so gut aus – die Qualität ist so besonders und detailliert!

Wir waren auch mit der Klasse mit BE eine Woche in Italien – in Florenz und in Venedig. Es war immer schon mein Traum Italien kennen zu lernen – jetzt muss ich nur noch nach Rom fahren! Wir waren in Museen und Venedig ist so schön! Es ist besser als auf Fotos! In Venedig waren wir für die Biennale – es war Modern Art und dieses Jahr viel über Flüchtlinge, es war so interessant.

YFU Austria:

Freust du dich schon nachhause zu fliegen?

Martín:

Oh... ich weißt nicht. Also natürlich will ich meine Freunde sehen, und meine Familie – natürlich vermisse ich sie. Ich vermisse es auch in eine Schule zu gehen, wo ich alle Leute kenne. In Uruguay kenne ich alle in der Schule – ich bin vielleicht nicht mit diesen Leuten befreundet, aber ich kenne sie beim Namen oder vom Gesicht – und hier kennen sich die Leute von anderen Klassen nicht. Ja, ich vermisse das, aber ich mag Wien mehr als Montevideo.

YFU Austria:

Was wirst du von hier vermissen?

Martín:

Meine Gastfamilie, besonders meine Gastschwester - also wir haben eine sehr gute Beziehung – meine Freunde von der Schule… ich glaube ich werde auch Deutsch vermissen – nicht so viele Menschen in Uruguay können Deutsch und es gibt nur eine deutsche Schule.

Ich werde auch die öffentlichen Verkehrsmittel vermissen – also es ist so organisiert, die Stadt! Also sie sind so vorbereitet für alles! Es ist so schlau! Zum Beispiel vor zwei oder drei Wochen hatte die U4 eine U-Bahn-Störung und sie haben eine Buslinie dafür gemacht! In Uruguay würde das nie passieren.

Aber ich vermisse auch Uruguayaner, weil ich sie verstehe – also jetzt verstehe ich Österreicher ein bisschen mehr, aber ich vermisse auch die Sprache und alles zu verstehen und… es ist komisch – ich will an beiden Orten gleichzeitig sein und das geht nicht…

Teile